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#1 Der Beruf der/des Rechtsanwaltsfachangestellten von Kasimir1603 28.11.2012 14:51

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Die Jobbörse der ARGE´n umschreibt unseren Beruf so:

„Rechtsanwaltsfachangestellte unterstützen Rechtsanwälte und -anwältinnen bei rechtlichen Dienstleistungen und übernehmen Büro- und Verwaltungsaufgaben. Sie betreuen Mandanten, bereiten Schriftsätze oder Akten vor und berechnen Fristen sowie Gebühren.
Rechtsanwaltsfachangestellte arbeiten hauptsächlich in Rechtsanwaltskanzleien, die auch international ausgerichtet sein können. Darüber hinaus sind sie in Inkassobüros tätig, bei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften oder in Mahnabteilungen von Versandhäusern, von größeren Warenhausketten oder von Banken, Sparkassen und Versicherungen.
Rechtsanwaltsfachangestellte/r ist ein anerkannter Ausbildungsberuf nach dem Berufsbildungsgesetz (BBiG). Diese bundesweit geregelte 3-jährige Ausbildung wird im Bereich Rechtswesen angeboten.“


Klingt an sich jetzt nicht so unspannend sollte man meinen. Dennoch scheint der Beruf der/des Rechtsanwaltsfachangestellten bei den Schulabgängern nicht ganz vorne dabei zu sein. Wenn man so die Erfahrungsberichte in diversen Foren im world wide web liest, bekommt man den Eindruck, dass sich viele Ausbildungskanzleien gar nicht mehr bewusst sind, was sie ihren Auszubildenden und künftigen Mitarbeitern überhaupt beibringen sollten. Da werden Auszubildende die gesamte Lehrzeit über mit Aktensuchen, Aktenweghängen, Post suchen und abheften, Kaffeekochen, Botengängen, etc. „beschäftigt“. Die wesentlichen und wichtigen Dinge werden scheinbar sträflich vernachlässigt. Im Gegenzug wundert man sich dann, wenn man frisch ausgelernte Rechtsanwaltsfachangestellte einstellt, deren Wissenstand dem einer/s Auszubildenden im 1. Lehrjahr entspricht. Von selbständiger Arbeit, Unterstützung und Entlastung des Rechtsanwalts keine Spur. Ich frage mich, woran liegt das? Natürlich sollte Ausbildung Chefsache sein. Tatsache ist jedoch, dass der überwiegende Teil der Auszubildenden von fertigen Rechtsanwaltsfachangestellten ausgebildet werden. Sind diese nicht in der Lage ihr Wissen an die künftige Generation weiterzuvermitteln oder wollen sie dies schlimmstenfalls gar nicht? Leider macht die wohl auch im bundesweiten Durchschnitt schlechte Bezahlung der ausgebildeten Rechtsanwaltsfachangestellten diesen Beruf für Neueinsteiger, Schulabgänger, Umschüler etc. ebenfalls nicht sonderlich attraktiv.

Ich selbst habe meine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten mit 19 abgeschlossen und habe mittlerweile 13 Jahre Berufserfahrung. In dieser Zeit habe ich selbst den ein oder anderen Azubi angelernt, ausgebildet und kennenlernen dürfen.

Rechtsanwaltsfachangestellte war nie mein „Traumberuf“. Ich wollte immer irgendwas mit Tieren arbeiten. Leider waren Lehrstellen in diesem Bereich rarer als rar. Die Entscheidung für den Beruf der Refa fiel daher eher zufällig. Meine eigene Ausbildung kann ich aber rückblickend nur als spannend, lehrreich und toll beschreiben. Ich hatte einen wunderbaren Ausbilder, der sich viel Zeit genommen hat, Dinge und Sachverhalte zu erklären, der darauf geachtet hat, dass wir selbstständig Akten bearbeiten können. Wir durften selbstständig Schriftsätze (u.a. Klageentwürfe, Klageerwiderungen), die Korrespondenz mit Versicherungen, Schuldnern, Banken, etc. fertigen. Die Abrechnungen nach Aktenlage war allein unsere Aufgabe. Postein- und ausgänge, Fristenverwaltung, Wiedervorlagenbearbeitung, Zwangsvollstreckung, das Mahnverfahren von A-Z – alles wurde von uns Azubis bearbeitet, Kontrolle durch den Chef und dann ab dafür. Das hat Spaß gemacht, da kam man sich „ernst genommen und wichtig“ vor. Man wuchs mit seinen Aufgaben. Man hinterfragte Sachverhalte, machte sich seine eigenen Gedanken und wurschtele sich so manches Mal durch diverse Bücher, Skripte und Notizen. Auch unsere Lehrer an der Berufsschule waren toll. Allen voran unsere Kostenrechtslehrerin. Diese nahm sich sogar nach der Schule noch Zeit, um kanzleispezifische Fälle durchzusprechen.

Auch heute noch finde ich es interessant und spannend, Akten einfach mal selber zu bearbeiten. Im Laufe der Jahre habe ich mir tiefergehende Kenntnisse im Bereich der Buchhaltung inkl. Lohnbuchhaltung angeeignet. Heute mache ich die komplette Kanzleibuchhaltung nebst Jahresabschluss, Steuergedöns und Lohnabrechnungen eigenständig.

In einer größeren Kanzlei war ich für die meiner Abteilung zugeordneten Auszubildenden zuständig. Als ich die Abteilung übertragen bekommen habe, waren es 2 feste Azubis im 2. Lehrjahr. Die beiden Mädels waren dermaßen unmotiviert. Bis dahin durften sie lediglich Hilfsarbeiten ausüben, Akten raussuchen, Post zuordnen, Botengänge und vielmehr war nicht drin. Das die keine Lust hatten war mehr als nachvollziehbar. Die Noten entsprechend schlecht bis ganz schlecht. Beide haben drüber nachgedacht, die Ausbildung zu schmeißen, sie haben geschwänzt und hatten absolut keinen Bock. Binnen kürzester Zeit hab ich es jedoch geschafft, die Azubinen einzuspannen, sie mehr und selbstständig machen zu lassen. Die blühten regelrecht auf. Wir haben zusammen gepaukt, Akten besprochen, Brainstorming betrieben und dann hab ich sie einfach auch mal machen lassen. Und sie hatten Spaß daran. Binnen kürzester Zeit erhöhte sich meine Azubizahl dann auf 4. Sie haben ihre Prüfungen alle gut abgeschlossen. Eine der damaligen Azubis hat heute ihren Rechtsfachwirt gemacht und darauf kann sie echt stolz sein.

Warum schaffen es einige Kollegen/Kolleginnen nicht, die ihnen anvertrauten Lehrlinge für den Beruf zu begeistern? Der Beruf an sich ist doch nicht einfach nur Tippen und Abheften. Wir machen doch viel mehr. Warum wird das den Lehrlingen nicht gezeigt? Warum lässt man sie teilweise so verkümmern und verschreckt sie? Sind die ausgebildeten Kräfte teilweise selber so unzufrieden in ihrem Job aufgrund schlechter Bezahlung, schlechtem Betriebsklima, keine Wertschätzung vom Chef, dass sie gar keine Lust mehr haben, dem Nachwuchs etwas beizubringen?

Rechtsanwaltsfachangestellte ist doch an sich ein facettenreicher und interessanter Beruf, der auch viele Möglichkeiten in anderen Bereichen eröffnet. Leider nützt die in der Berufsschule erlernte Theorie nichts, wenn diese in der Praxis nicht angewendet werden kann oder darf.

Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich meinen Beruf gerne mache, dass er mir immer noch Spaß macht und dass ich diesen rückblickend immer wieder erlernen würde. Ich kann und darf selbstständig arbeiten, ich werde dafür auch noch gut bezahlt und meine Chefs wertschätzen meine Arbeit.

Was hat Euch an dem erlernten Beruf gereizt? Würdet Ihr diesen Beruf wieder erlernen? Wie war oder ist Eure Ausbildung?

#2 RE: Der Beruf der/des Rechtsanwaltsfachangestellten von Mathilde 28.11.2012 15:12

Wirklich schön beschrieben Kasi. Da könnte man wirklich Lust auf den Beruf bekommen.

Leider sind Azubis in unserer Branche aber nur die billige Alternative. Ich kenne sogar Kanzleien, die ausschließlich nur mit Azubis arbeiten.

Das Problem liegt vielleicht darin, dass Rechtsanwälte einfach ausbilden dürfen ohne irgendeine Qualifikation hierüber zu haben. In anderen Branchen benötigt man dafür den Ausbildereignungsschein von der IHK.

Und ob der Azubi dann ordentlich ausgebildet wird ist dann Nebensache. Hauptsache er ist billig und geht ans Telefon am besten von 9-18 Uhr.

Ich habe neulich auch eine Stelle nicht bekommen, weil man sich für eine Praktikantin vom Arbeitsamt entschieden hat - hat wahrscheinlich nichts gekostet. Dass das Ergebnis dann nicht immer so ist, wie es sein sollte, interessiert die meisten Anwälte leider nicht großartig.

Ich hatte auch viel Spaß an meinem Beruf. Nun habe ich über 1 Jahr gesucht, um wieder einzusteigen aber leider waren die Verdienstmöglichkeiten so bescheiden, dass ich mich jetzt endgültig dafü entschieden habe einfach das weiterzumachen, was ich im Moment mache. Da kommt das Geld pünktlich und so unangenehm und langweilig ist es nun doch nicht. Aber man muss eben vielleicht erst einmal mit einer Sache abschließen um sich für eine neue zu öffnen.

Aber für mich steht jetzt definitiv fest, ich bewerbe mich nicht wieder beim Anwalt - es sei denn meine beiden Chefs gehen in Rente und ich werde noch einmal arbeitslos.

#3 RE: Der Beruf der/des Rechtsanwaltsfachangestellten von MissJJ 28.11.2012 15:16

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Was ist das denn für ein Mammut-Text?

Mein Traumjob war ReFa auch nie. Ich wollte nicht mal im Büro arbeiten. Was ist genau wollte, wusste ich damals allerdings leider auch nicht. So trug es sich zu, dass ich viele Bücher von John Grisham las und so auf das Anwalts-Thema aufmerksam geworden bin. Bevor mich alle auslachen: Mir war schon klar, dass es so spannend nicht sein würde Ich war dann bei der Berufsberatung im Arbeitsamt und so kam es eben.

Meine Lehre war über weite Strecken die Hölle. Vom cholerischen Schönfelder-Schmeißer hatte ich ja bereits berichtet. Wir Azubis haben zum Teil unlösbare Aufgaben bekommen, z. B. in Zeiten, als es noch nicht überall Internet gab, Schuldner ausfindig zu machen, die untergetaucht waren. Und zwar vollständig. Die letzte bekannte Anschrift war ein Wohnwagen im Wald. Soviel dazu. Ein andere Azubiene musste ein Gesetz für ihn suchen - das war schon zu Internet-Zeiten. Es stellte sich heraus, dass es dieses Gesetz überhaupt nicht gibt. Das hat er sich einfach ausgedacht. Er hat sie aber einen Freitagabend dafür bis 18 Uhr in der Kanzlei behalten - obwohl 15 Uhr Feierabend war!

Ich - und nicht nur ich!!! - habe Abende heulenderweise zuhause gesessen. Dennoch habe ich immer die Backen zusammengekniffen und durchgehalten. Es hat sich in gewisser Weise gelohnt. Ich habe mir den Respekt des Chefs erarbeitet und mehr und mehr Aufgaben- auch welche, die tatsächlich Sinn hatten -, bekommen. Dennoch musste ich mir sehr viel selbst erarbeiten. Das führte dazu, dass ich irgendwann Unterhaltssachen bearbeiten sollte. Was natürlich vom damaligen Chef geradezu gemeingefährlich war! Er selbst hatte keinen Dunst, ich erst recht nicht. Ich durfte mir also 2, 3 Bücher zur Ansicht bestellen,mit die wichtigsten Sachen rausschreiben und die Bücher dann zurückgeben. Kostet ja, ne? Ich musste sogar zu Gericht mit ihm fahren, um quasi die Souffleuse (wird das so geschrieben?) zu geben.

Auf der einen Seite hab ich auf die Art natürlich viel gelernt, auf der anderen Seite stand ich ständig an der Schwelle zum totalen Zusammenbruch (heute würde man das wohl Burnout nennen).

Warum ich heute noch in diesem Job arbeite, weiß ich selber nicht.

Zum Thema Ausbildung:
Es gibt verschiedenste Gründe, warum eine Ausbildung durch eine ausgelernte ReFa - die meiner Meinung nie allein zuständig sein sollte! - nicht funktioniert. Zum Einen: Es ist schlicht keine Zeit vorhanden. Es gibt zuwenige Angestellte, die zuviel Arbeit erledigen sollen. Die Abzubis fallen hinten runter.
Es gibt zuwenig Arbeit, man kann den Azubis quasi nichts am "lebenden Beispiel" erklären (das Problem hab ich grade).
Der Azubi hat überhaupt kein Interesse, dann hat man auch irgendwann kein Interesse mehr, mit ner Wand zu sprechen (hatte ich auch schon).
Ich denke, die wenigsten werden ihren Azubi nichts beibringen, weil sie ihr Wissen nicht weitergeben wollen. Das mag es geben, aber das ist sicher die Ausnahme.

Und wie gesagt, warum so wenige den Beruf heute überhaupt noch lernen wollen, kann ich total nachvollziehen. Die Ausbildungsvergütung ist ein Witz und das Gehalt danach in den meisten Bundesländern ebenfalls. Dafür hat man sehr viel Verantwortung und ist oft genug der Arsch für alles! Wenn alles top ist, ists Verdienst vom Chef. Wenn alles Sch***** ist, habens die Angestellten verbockt.

#4 RE: Der Beruf der/des Rechtsanwaltsfachangestellten von MissJJ 28.11.2012 15:21

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@Mathilde:
Ich könnte Deinen gesamten Beitrag jetzt zitierten und unterschreiben!
GENAU so ist es! Wie viele Kanzleien gibt es grad bei uns, die nur mit Azubis arbeiten? Oder mit Praktikanten. Wir hatten hier eine Bewerberin, die hat von einem Praktikum in einer RA-Kanzlei erzählt. 3 Wochen. Sie ganz allein mit der Chefin. Keine Angestellte, keine anderen Azubiene. Als Praktikantin (!!!) musste sie den Laden allein schmeißen. Einziges Hilfsmittel: Ein Organigramm! Sie musste Fristen berechnen und alles! Das Mädchen kam aus der Schule und hat noch nie was von Fristen gehört!
Wenn ich nicht schon viele Stories über diese RAin gehört hätte, ich hätte es nicht für möglich gehalten! Und sie ist nur eine von vielen.
Das spricht sich rum. Ganz ehrlich, wenn ich früher die Info-Möglichkeiten gehabt hätte, die heute dank Internet bestehen, ich hätte diesen Job auch NIE gelernt! Nicht wegen des Jobs, sondern wegen der Rahmenbedingungen.

#5 RE: Der Beruf der/des Rechtsanwaltsfachangestellten von Kasimir1603 28.11.2012 16:06

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Stimmt. Als ich so die Erfahrungsberichte im Netz gelesen habe, hats mich schwer gegruselt. Und ich weiß nicht, ob ich mich mit 16 Jahren, frisch von der Realschule, von Tuten und Blasen keine Ahnung, davon hätte nicht auch abschrecken lassen. Aber es macht mich irgendwie auch traurig, dass dieser an sich tolle Beruf durch diverse Anwaltskanzleien so "verschandelt und missbraucht" wird. Es muss doch auch im Interesse der Kanzleiinhaber und auch der dort angestellten Anwälte sein, dass sie selbst mehr und mehr entlastet werden können, dass sie viele Aufgaben einfach deligieren können, dass sie sicher sein können, dass ihre Angestellten das Büro schmeißen, ein Aushängeschild für die Kanzlei sind und dass auf sie Verlass ist. Warum boykottieren sich die Damen und Herren Anwälte selbst, indem sie schlecht bis gar nicht ausbilden und somit gute Fachkräfte Mangelware werden. Wie rechnen die denn bitte? Wirtschaftlich betrachtet ist doch auf Dauer eine gut ausgebildete, selbstständig agierende Refa deutlich kostengünstiger, als eine Heerscharr schlecht ausgebildeter Fachangestellter. Weil je selbstständiger eine Refa agiert und arbeitet, umso mehr entlastet sie doch ihren Chef und dieser kann sich somit um die "geldigeren" Dinge kümmern, sprich Mandante ranschaffen, Akten bearbeiten und somit Geld in die Kasse spülen. Je mehr ein Chef selber machen muss, umso weniger Zeit hat er doch, sich mit der eigentlichen Aktenarbeit zu beschäftigen. Ich finde es befremdlich, dass es Kanzleien gibt, wo die Rechtsanwälte den Refas alles, aber auch wirklich alles runterdiktieren, sogar die Honorarabrechnungen

#6 RE: Der Beruf der/des Rechtsanwaltsfachangestellten von MissJJ 28.11.2012 16:14

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Das verstehe ich eben auch nicht. Aber ich hab es aufgegeben, Anwälte verstehen zu wollen. Es führt einfach kein Weg hin.

Ich hab teilweise das Gefühl, die sind einfach der Meinung, selbst unendlich schlau zu sein, während hingegen alle anderen - also auch die Angestellten - unterbelichtete Trottel sind. Mein Chef ist auch immer noch der Meinung, er müsse mir sagen, dass ich Abschriften von Schriftsätzen an die Mandanten schicken muss. Ist ja klar, dass ich das in 3 Jahren Lehre und 9 Jahren als Ausgelernte noch nicht begriffen hab.

Es sind diese vielen kleinen Punkte, die das Fass zum Überlaufen gebracht und mich dazu gebracht haben, mich nach einem anwaltsfremden Job umzusehen. Ich mag nicht mehr.

#7 RE: Der Beruf der/des Rechtsanwaltsfachangestellten von Mathilde 28.11.2012 16:40

Echt jetzt Missi du willst wech?

#8 RE: Der Beruf der/des Rechtsanwaltsfachangestellten von MissJJ 28.11.2012 16:49

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Aber sowas von! Keine Kompromisse mehr, kein Hoffen auf andere Exemplare der Spezies Anwalt.

#9 RE: Der Beruf der/des Rechtsanwaltsfachangestellten von Catelyn 28.11.2012 18:48

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Es gibt aber noch die andere Spezies Anwalt. Wirklich! ;)

Ich bin auch zufällig in den Beruf reingerutscht. Meine erste Ausbildung begann noch in der damaligen DDR, endet kurz nach der Wende. Ich hab noch 2 1/2 Jahre in dem Beruf gearbeitet und wurde dann sozialverträglich abgebaut. Jung, ledig, keine Kinder - entsorgt. Und um einen staatlich anerkannten Abschluss draufzusatteln, fehlte mir schlicht ein halbes Jahr Berufserfahrung im bisherigen Job. Ich musste mich also umorientieren. Und irgendwie war klar: Ich muss ins Büro - mit Pädagogik und Sozialkrams kommste hier nicht weiter!

Da war die kleine Anzeige in der Zeitung, ich bewarb mich, ging in den goldenen Westen und versuchte mich als ReNo-Azubi. Ich hatte ein wunderbares Ausbildungsbüro, tolle Kolleginnen, die mir echt was beibrachten. Klar war Eigeninitititative gefragt: Akte hingepackt, mach mal was draus! Und das war wirklich gut so! Hinterher wurde besprochen und kontrolliert. Ich musste nie nur Post holen und wegbringen, Kaffee kochen und putzen oder sonst welchen sinnlosen Kram machen. Man wollte mich in der Heimat ja auch noch weiterbeschäftigen.

Daraus wurde zwar nichts, aber dank meines super Abschlusses und vorgezogenen Fertigwerdens fand sich schnell eine Stelle zu Hause. Und da ich nun selbstständiges Arbeiten gewohnt war, konnte mich das ja nun auch nicht stören. Ich hatte einen Chef, der erwartete schlicht, dass ich ZV, Kostensachen und Fristen allein kann! Da wurde nix vorgekaut und irgendwelche Verfügungen und Anweisungen gepinselt. Nee, alles schön allein und das war auch gut so! Klar musste ich am Anfang viele zu Hause nachlesen und weiterlernen. Aber genau das macht den Job doch aus: Ständig weiterentwickeln und weiterlernen.

Man muss einfach an den richtigen Chef geraten. Und wenn der erstmal misstrauisch, muss man dem schnell klar machen: Chef, das ist mein Tanzbereich und das ist dein Tanzbereich. ;)

Selbst bei der Bezahlung hab ich bislang keine Probleme gehabt. Klar kann man immer mehr verdienen und im Moment stagniert es auch ein wenig. Aber ich bekomme doch mehr, als viele andere Kolleginnen hier in der Gegend. Ich musste mir vieles sicherlich erkämpfen: Rechtsfachwirt auf eigene Kosten und ohne Zeitunterstützung vom Büro, Seminare zum Teil selbstbezahlt etc. Oft hat auch das Glück oder der Zufall ein bisschen nachgeholfen. Wer weiß, wohin es mich sonst noch so verschlagen hätte und vielleicht hätte ich den Spaß an meinem Beruf auch schon längst verloren.

Aber ich habe Spaß dran, mich interessieren juristische Zusammenhänge. Ich finde es toll, wenn man plötzlich Zusammenhänge selbst erkennt, wenn man Menschen mit juristischen Problemen helfen kann, Wissen an andere weitergeben darf (leider hab ich seit einigen Jahren keine Azubis mehr).

#10 RE: Der Beruf der/des Rechtsanwaltsfachangestellten von MissJJ 29.11.2012 08:13

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Zitat von Catelyn im Beitrag #9
Es gibt aber noch die andere Spezies Anwalt. Wirklich! ;)



Die Hoffnung hab ich leider aufgegeben. Aber es ist toll zu sehen, dass es auch anders geht!

#11 RE: Der Beruf der/des Rechtsanwaltsfachangestellten von Mathilde 29.11.2012 09:11

Ich habe auch die Hoffnung aufgegeben, diese andere Spezies zu finden. Und ehrlich gesagt habe ich auch keinen Bock mehr darauf nach ihr zu suchen.

Soll sie mich doch finden

Aber einige scheinen ja doch Glück zu haben :-) Ich gönne es einfach jeden

#12 RE: Der Beruf der/des Rechtsanwaltsfachangestellten von MissJJ 29.11.2012 09:50

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Zitat von Mathilde im Beitrag #11
Ich habe auch die Hoffnung aufgegeben, diese andere Spezies zu finden. Und ehrlich gesagt habe ich auch keinen Bock mehr darauf nach ihr zu suchen.

Soll sie mich doch finden

Aber einige scheinen ja doch Glück zu haben :-) Ich gönne es einfach jeden

gez. MissJJ

#13 RE: Der Beruf der/des Rechtsanwaltsfachangestellten von Catelyn 29.11.2012 09:55

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Zitat von MissJJ im Beitrag #10
Zitat von Catelyn im Beitrag #9
Es gibt aber noch die andere Spezies Anwalt. Wirklich! ;)



Die Hoffnung hab ich leider aufgegeben. Aber es ist toll zu sehen, dass es auch anders geht!


Ich hatte zwischendurch auch mal mehr oder weniger Pech mit einer Anwältin. Die Bezahlung war durchaus annehmbar, von daher wäre damals ein freiwilliger Wechsel mit zwei kleinen Kindern auch unverantwortlich gewesen. Aber sie hat nie kapiert, dass man gute und engagierte Fachleute auch ihren Fähigkeiten entsprechend einsetzen und fördern muss. Stattdessen waren stundenlange Diktate meine Tagesordnung. Und Verfügungen, die jede Azubine im 2. Ausbildungsjahr nicht mehr gebraucht hätte.

z.B.: Versäumnisurteil geht ein. Sie verfügt: Kopie an Mandant und Kostenfestsetzung beantragen (möglichst mit Gebühren drauf). Naja, da kommt ja eine gute Fachangestellte auch nicht selbst drauf. Aber es hätte natürlich auch sein können, dass meine Fähigkeiten beim ständigen Diktateschreiben etwas verkümmert sind. Dabei war ich immer happy, wenn ich mal was richtig Fachliches tun durfte!

Selbst als ich mir dann meinen Refawi im Fernstudium erkämpft hatte, blieben mir weiterhin die Bänder tagtäglich. Frustrierend. Aber das Berufsleben hielt dann doch noch Überraschungen für mich bereit. Von selbst gekündigt hätte ich nie, weil ich nie einen gleichbezahlten Job gefunden hätte. Das Gehalt war eben nicht das ganz große Problem, aber eben der Inhalt der Tätigkeiten und dass einem nie etwas zugetraut wurde. Ich hab das auch zu lange durchgehalten, gute 9 Jahre. Da wird einem der eigene Beruf schon mal vollkommen über. Leider.

#14 RE: Der Beruf der/des Rechtsanwaltsfachangestellten von MissJJ 29.11.2012 10:04

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Genau so ist es! Ich hab aber keine Lust, drauf zu hoffen, dass ich mal Glück habe. Klar kann man anderswo genauso auf's Mäulchen fallen, aber wenn dann wenigstens die Kohle stimmt, dann ist das nochmal was anderes. Wenn einen aber der Job frustet, der Chef dazu, das Geld vorne und hinten nicht reicht, dann ist es Zeit für was Neues.
Nur finden muss ich das Neue noch
Aber egal, wir schweifen ab.
Wäre spannend, noch mehr Geschichten zu hören!
Liebe Mitglieder, wo seid Ihr?

#15 RE: Der Beruf der/des Rechtsanwaltsfachangestellten von naduh 29.11.2012 13:59

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[quote=MissJJ]Wäre spannend, noch mehr Geschichten zu hören!
Liebe Mitglieder, wo seid Ihr? [/quote]

Meine Geschichte ist zwar nicht spannend, aber ich erzähle trotzdem mal:

Ich muss sagen, dass ReNo mein Traumberuf ist. Ich habe mich als Jugendliche über diesen Beruf erkundigt und fand ihn sehr interessant. Daraufhin habe ich mich beworben. Habe dann 2004 meine Ausbildung begonnen und arbeite seither in ein und demselben Büro.
Ich habe eine gute Ausbildung genossen. Ich wurde bereits nach einem Monat Registraturdienst (Botengänge, Postbearbeitung, Termine notieren, Akten ausheften etc.) verteilt (in eine entsprechende Abteilung, hier gibts 14 Anwälte). Die erste Abteilung war Familienrecht. Dort habe ich sehr viel gelernt, die Sekretärin hat mich super angelernt. Nach einem halben Jahr wechselte ich in die Arbeitsrechtsabteilung und nach wiederum einem halben Jahr in die Verkehrs-, Zivil- und Strafrechtsabteilung in der ich auch nach der Ausbildung weitere zwei Jahre blieb. Zwischendurch musste ich auch ins Notariat hineinschnuppern. Mittlerweile bin ich im Notariat tätig.
Ich habe eine gute Ausbildung genossen, viel gelernt und die Kollegen und Chef in unserem Büro sind alle sehr nett. Ich kann mich sehr glücklich mit meiner Arbeitsstelle schätzen in Anbetracht der Tatsache, was ich schon für Horrorgeschichten gelesen habe :-)
Und mittlerweile bin ich auch mit dem Gehalt zufrieden ;-)

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